Stellungnahme zum viergleisigen Ausbau der Main-Weser-Bahn zwischen Frankfurt am Main und Friedberg (Hessen)

Kathrin Anders

Kathrin Anders

Der viergleisige Ausbau der Main-Weser-Bahn zwischen Frankfurt am Main und Friedberg wird von mir ausnahmslos unterstützt. Es ist ein grundsätzliches verkehrspolitisches Ziel der GRÜNEN, sowohl den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) zu fördern als auch den Güterverkehr von der Straße auf die Schiene zu verlegen. Es gibt ökologisch kein vernünftigeres Verkehrssystem gegenüber dem Straßenverkehr als die Bahn.

Die um 1850 erbaute Main-Weser-Bahn ist eine der ältesten und heute nicht weniger wichtigen Trassen ins Rhein-Main-Gebiet, insbesondere für den ÖPNV im Wetteraukreis und für Mittelhessen. Diese Bahnlinie ist die bedeutendste hessische Nord-Süd-Magistrale zwischen Frankfurt, Gießen, Marburg und Kassel – und überlastet. Und der Rhein-Main-Ballungsraum gehört zu den am stärksten mit dem Umland verflochtenen Regionen in Europa.

Nach Angaben des Hessischen Statistischen Landesamtes und der Bundesagentur für Arbeit für das Jahr 2012 pendeln täglich 34.238 Sozialversicherungspflichtige aus der südlichen Wetterau (Friedberg, Niddatal, Wöllstadt, Rosbach, Karben und Bad Vilbel) zur Arbeit ins Rhein-Main-Gebiet aus. Im Gegenzug sind es 24.513 Einpendler, die in der südlichen Wetterau ihre Jobs haben. Rund zwei Drittel der Auspendler arbeiten direkt in der Bankenmetropole Frankfurt.

Die Notwendigkeit des Ausbaues der S 6 ergibt sich auch aus der Pendlerstatistik des gesamten Wetteraukreises. Dort sind es rund 82.380 sozialversicherungspflichtig beschäftigte Personen, die täglich zur Arbeit ins Rhein-Main-Gebiet oder in benachbarte Regionen, beispielsweise nach Mittelhessen auspendeln, und rund 52.820 Personen, die umgekehrt in die Wetterau einpendeln.

Aus den mittelhessischen Landkreisen Gießen, Lahn-Dill, Marburg-Biedenkopf und Vogelsbergkreis kommen noch einmal täglich rund 202.500 Auspendler bei rund 188.690 Einpendlern hinzu. Auch hier sind es rund zwei Drittel, die in Frankfurt ihrem täglichen Job nachgehen. Alle diese Menschen müssen jeden Tag zur Arbeit fahren und ihren Lebensunterhalt verdienen ohne Staus, Verspätungen, Zeitverlusten und Stress. Die Alternative zum täglichen Stau auf den Autobahnen A 45 und A 5 am Gambacher Kreuz ist nur der ÖPNV auf der Main-Weser-Bahn. Dies alles spricht für den viergleisigen Ausbau der Strecke bis Friedberg. Er ist notwendig und aus GRÜNER Sicht alternativlos.

Ein grundsätzlich anderes Problem stellt der Güterverkehr entlang von Wohngebieten dar. Das damit verbundene Lärmproblem ist jedoch kein logisch folgendes Problem des Streckenausbaues und künftig vermehrten Güterverkehrs. Sondern dies ist ein technisches Problem von teilweise überalterten, rappelnden und scheppernden Güterwagen auf nicht lärmgemindernden Trassen. Auf keiner Straße in Deutschland kommen dreißig Jahre alte Lastwagen zum Einsatz. Bei der Bahn schon.

Hier nimmt die Bahn AG sich Freiheiten heraus, die bei anderen Verkehrs- und Transportsystemen als strafwürdig erscheinen und vom TÜV aus dem Verkehr gezogen würden. Statt unsinnige, milliardenschwere Prestigeprojekte wie den Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs durchzupeitschen ist es sinnvoller, das Geld für die Modernisierung der Strecken, für Lärmschutz und moderne Güterwaggons auszugeben. Denn der Lärmschutz beginnt bei den Achsen, Bremsen und Fahrgestellen der Waggons und bei den Trassen.

Ein weiteres ungelöstes und verkehrspolitisches Kernproblem ist der von der Bahn AG in Anspruch genommene Schienenbonus. Nach der derzeit gültigen Bundesimmissionsschutzverordnung wird der für die festgelegten Geräuschpegelgrenzwerte relevante Beurteilungspegel bei der Bahn um 5 Dezibel geringer angesetzt als beim Straßenverkehr.

Dieser Schienenbonus ist jedoch mit heutigem Wissen nicht mehr vertretbar und gehört als ein Relikt des vorigen Jahrhunderts abgeschafft. Er beruht auf sozialwissenschaftlichen Studien der 70er und 80er-Jahre. Bereits im Februar 2011 hat deshalb die Bundestagsfraktion der GRÜNEN eine gesetzliche Neuregelung zur Abschaffung des Schienenbonus verlangt (vgl. Bundestags-Drucksache 17/4689).

Eine Studie des Universitätsklinikums Freiburg der Albrecht-Ludwigs-Universität („Macht Schienenlärm krank?“) aus dem Jahre 2010 untermauert diese Forderung der GRÜNEN und kommt zu dem Ergebnis, „dass die wissenschaftliche Rechtfertigung des Schienenbonus auf veralteten Daten der Lärmwirkungsforschung beruht und neuere Erkenntnisse zu Zweifeln an diesen Daten führen.“ Auf der Basis dieser Erkenntnisse sei die unhinterfragte Weiterverwendung des Schienenbonus lärmmedizinisch nicht angemessen, so die Freiburger Studie.

Eine Rücknahme der von allen Parteien im Wetteraukreis politisch getragenen Entscheidung zum viergleisigen Ausbau der Main-Weser-Bahn kann es nicht geben. Das Grundkonzept, den Güterverkehr von der Straße auf die Schiene zu verlagern, ist ökologisch und verkehrspolitisch notwendig und für uns GRÜNE von grundsätzlicher Bedeutung wie es für die Pendler im Wetteraukreis notwendig ist, den ÖPNV leistungsfähig zu erhalten und nach den modernsten Lärmschutztechniken an Trassen und Waggons auszubauen.

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